|
Fenster
zu
Braunschweiger
Zeitung - Kultur Sonnabend
28. Februar 2004
Horror,
ein Mädchen zu sein
Das Braunschweiger Figurentheater Fadenschein präsentiert "Sonne im Gesicht"
Von
Martin Jasper
Sehnsüchtig steckt das Mädchen die Hände durch das Fenstergeflecht, das
anmutet wie Gitterstäbe, und schöpft Sonnenlicht aus der Luft. Wie Wasser.
Und benetzt damit ihr Gesicht, das von einer Burka vermummt ist.
Später verdeckt dieses Geflecht eine geheimnisvolle Frau, die sich nie
zeigt, nur manchmal Geschenke auf die Straße wirft. "Eine Fee", sagt ein
Mädchen. Das andere lacht bitter: "Sie ist verheiratet. Sie kommt dort
nie wieder heraus."
Die neueste Produktion des Braunschweiger Figurentheaters Fadenschein
versetzt uns nach Afghanistan unter dem bizarren Religionsterror der Taliban.
Frauen sind plötzlich rechtlos. Sie müssen sich völlig verhüllen, dürfen
nicht allein auf die Straße. Mädchen dürfen nicht mehr in die Schule.
Das Stück "Sonne im Gesicht" nach einem Roman von Deborah Ellis erzählt
von dem Mädchen Parvana, das plötzlich Mutter und Schwester durchbringen
muss, weil der innig geliebte Vater von den Taliban gefangen genommen
wurde. Sie tarnt sich als Junge.
Die Dramaturgie folgt dem typischen Jugendbuch-Muster von der jungen Identifikationsfigur,
die sich mit Mut und Witz durch die Wirrnisse einer gefährlichen und/oder
empörenden Zeit schlägt (schlimm, schlimm, diese Taliban!).
Das ist wenig originell. Aber wie es gespielt ist, das schlägt dann doch
in seinen Bann. Unter der Regie von Sylvia Heyden und Margrit Gysin treten
Hanne Scharnhorst und Anke Diedrichs als Erzählerinnen auf, schlüpfen
dann hinter ausdrucksstarken Masken in diverse Rollen, die sie mit Verve
und Einfühlung glaubhaft machen.
In einem kleinen feinen Schattenspiel scheint auf witzige Weise die schulische
Vergangenheit auf. Das mit Tüchern und Bastgeflecht variie-rende Bühnenbild
scheint Hitze, Lehm und Staub Afghanistans zu atmen, macht die Enge des
zum Gefängnis gewordenen Hauses durch geschickte Lichtführung spürbar.
Schön gelingen poetische Momente wie das Sonne-Schöpfen, aber auch Schreckensbilder
wie der Einbruch eines langbärtigen Taliban-Wüterichs ins eigene Haus.
Aber selbst diesen vernagelten Fanatikern wird das Menschliche nicht gänzlich
abgesprochen: Es gibt auch einen Taliban, der weint. Anrührend aber vor
allem, wie die Mädchen trotz ihrer hoffnungslosen Lage immer wieder doch
auch jung sind, Kinder fast. Lebenslustig. Wie sie kichernd unter der
Burka mit blauen Pumps kokettieren, wie sie beim Knochensammeln mit einem
Schädel Hallodri treiben. Wie die Schwestern sich anzicken und Parvana
- als Junge - plötzlich genüsslich klar wird, nun könnte sie ja sogar
ihre Schwester verkaufen.
Wie kommen sie bloß raus aus diesem gottverdammten Martyrium?
|